Aus der Wüste des Alltags aufbrechen

Haben Sie in diesen Tagen das eine oder andere Mal den Weg in die Natur gesucht und eine Wanderung unternommen? Was haben Sie dabei von der Umgebung wahrgenommen, an was haben Sie gedacht?

Vielleicht erging es Ihnen wie mir. In mir ist der Gedanke aufgekommen, dass vieles so kalt, kahl, hart und trocken ist. Und vielleicht ist in Ihnen ebenso wie bei mir die Erinnerung an Zeiten wach geworden, in denen man das Gegenteil wahrnehmen konnte: Zeiten, in denen alles schön warm, fruchtbar, grün oder bunt war. Gleichsam spürt man die Sehnsucht nach eben jenen (sommerlichen) Zeiten. Diese Beschreibung mag möglicherweise sehr profan  und primitiv klingen. Aber diese Bilder sind für mich durchaus aktuell - nicht nur, indem sie die Jahreszeit abbilden, in der wir uns gerade befinden, sondern auch oftmals und vielerorts eine Signatur unserer Gesellschaft und des kirchlichen Erlebens darstellen. Es sind nicht nur (moderne) Begriffe wie "ausgepowert", "ausgebrannt", "kraftlos" oder "müde", sondern auch eigene Erfahrungen aus den Begegnungen mit Menschen, die uns das verdeutlichen. Man fühlt sich widrigen Bedingungen regelrecht ausgesetzt und es scheint, als lebe man wie in einer endlosen Wüste. Die Wüste, ein Sinnbild für die Fastenzeit und Ort, der nicht nur Leblosigkeit und Tod, sondern auch Vorbereitung, Veränderung und Aufbruch zu Neuem bedeuten kann.

Wenn ein Baum sich in einer Trockenzone befindet, dann muss er mit seinen Wurzeln in die Tiefe wachsen, dann muss er tiefer graben, um der Dürre zu trotzen. Auch der Mensch braucht diese Tiefe, um in schwierigen Zeiten fest verankert zu sein. Der Mensch braucht tiefe und feste Wurzeln, um dann, wenn die Lebensfreude auszutrocknen droht, in tieferen Schichten Lebensquellen zu erschließen. Letztlich ist Gott unser stärkster Halt, er ist unsere wichtige Nahrung. Wer sein Leben in Gott festmacht, der ist so schnell nicht zu erschüttern, den kann so schnell nichts aus der Bahn werfen. Mehr noch: Wer Gott vertraut, der findet tiefe Geborgenheit, eine Geborgenheit, die glücklich macht. Denn Gott ist größer als alle Dunkelheiten und Trockenheiten dieser Welt. Und daher steht für uns Christen unter dem Strich das Glück und nicht die Verzweiflung.

Aber wie kann ich zu dieser Tiefe, zu diesen festen Wurzeln finden und mir Lebensquellen erschließen? Es braucht dazu Zeit. Zeiten, die wir uns nehmen müssen, um über mein Leben mit Gott und meinen Mitmenschen nachzudenken. Nehmen wir uns einmal Zeit und betrachten wir zuerst unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Man kann aus christlicher Sicht sagen: Die Liebe ist der Beweis für meinen Glauben an Gott. Ich kann nicht an Gott glauben und zugleich den Menschen hassen. Ich kann mich nicht als Christ bezeichnen und zugleich unbarmherzig sein. Ich kann nicht Jesus nachfolgen wollen und zugleich blind sein für das Leid der Mitmenschen. Ich kann nicht vom Evangelium begeistert sein und zugleich Menschen das Leben zur Hölle machen. Wer Gott vertraut, der lässt sich von ihm prägen, von ihm verwandeln und dem ist seine (Gottes) Liebe zu uns Menschen ein Vorbild.

Die Kraft und den Mut zu einem positiven, christlichen Umgang zu unseren Nächsten erhalten wir aus dem Geschenk der Gottesliebe, und zwar zu einem jeden von uns. Aufgrund dessen müssen wir uns gleichermaßen Zeit nehmen, um unsere Beziehung zu Gott zu betrachten. Und hierbei stehen neben der Mitfeier der heiligen Messe meiner Ansicht nach zwei Elemente im Zentrum. Erstens die persönliche Besinnung und Meditation der heiligen Schrift und zweitens das Glaubensgespräch. Der Austausch im Glauben über religiöse und biblische Inhalte ist uns abhanden gekommen. Religiöse Begriffe sind für viele inzwischen Fremdwörter und die Auskunftsfähigkeit im Glauben ist auf der Strecke geblieben. Dagegen stehen vermutlich strukturelle Themen für das eigene Image auf der Tagesordnung. Um dieser verheerenden Entwicklung entgegen zu wirken, kommt uns die Fastenzeit gerade recht und wie gerufen. Die Fastenzeit ist eine Zeit der Vertiefung. Ich schaue nach, ob mein Christsein sicher ist.

  • Was fasziniert mich an Jesus Christus?

  • Welche ist meine Lieblingsstelle im Evangelium?

  • Welcher Bibelvers gibt mir zurzeit Halt im Leben?

  • Für wen und für was lebe ich eigentlich?

  • Was tut meiner Seele gut?

  • Wie erfülle ich die Bedürfnisse meines Verstandes?

  • Wie erhole ich mich?

(Fragen von Pfarrer Hernoga, entnommen aus den Bardeler Fastenmeditationen 2017)


Stellen wir uns in der Fastenzeit neu oder erneut diesen Fragen. Wer durch solche Fragen zur Ruhe kommt, findet feste Wurzeln und (neue) Lebensquellen im Glauben. Und wer so an Tiefe gewinnt, ist auf einem guten Weg zum großen Osterfest.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Fastenzeit und grüße Sie herzlich im Blick auf Ostern, das wir in Vorfreude erwarten!

Stefan Arnreich (Gemeindereferent)