Die Suche nach der Erleuchtung

Ein junger Mann war auf der Suche nach der Erleuchtung. Nächtelang las er in Büchern und befragte alle Bewohner seines Dorfes. Doch niemand konnte ihm eine befriedigende Antwort geben. Deshalb machte er sich eines Tages auf den Weg und ging auf Wanderschaft,
um die Erleuchtung zu finden.
Auf einem Bergpfad traf er einen alten Mann, der gerade seine Meditation beendet hatte. Sogleich sprach er diesen an, um seine Frage nach
der Erleuchtung zu stellen. Der Alte sagte nur schlicht: »Schau in dein Innerstes!« Dann schloss er seine Augen, bevor der Suchende seine
Aussage hinterfragen konnte.
Auf seiner weiteren Reise sprach der junge Mann vergebens Hunderte von Menschen an. Als er seine Suche schon beinahe aufgeben wollte, kam er zu einem alten, abgelegenen Kloster. Er vernahm, dass dort ein großer Meister verweile, und war nun voller Hoffnung, von diesem den richtigen Weg gewiesen zu bekommen. Er suchte den weisen Mann auf und sprach zu ihm: »Meister, seit Jahren suche
ich nach der Erleuchtung. Sage mir, welche Schritte ich als Nächstes tun muss, um diese zu erlangen.«

Der Ältere jedoch fragte ihn, womit er seinen Lebensunterhalt verdiene?
Der Jüngere antwortete: »Ich stamme aus wohlhabendem Hause und meine Eltern unterstützen mich und meine Lehre. Noch habe ich nichts
gelernt, um mich selbst zu ernähren.«
»Nun gut«, sprach der Weise, »schaue eine halbe Minute lang in die Sonne.« Der Suchende gehorchte. Als die Zeit um war, wurde er gebeten, er möge die Landschaft um sich herum beschreiben.

»Ich kann nichts wahrnehmen, die Helligkeit der Sonne hat meinen Blick getrübt«, erklärte der junge Mann. Daraufhin gab ihm der Meister zur Antwort: »Ein Mensch, der nur das Licht sucht und die Verantwortung für sich selbst den anderen überlässt, wird die Erleuchtung niemals finden können. Ein Mensch, der zu lange in die Sonne starrt, wird am Ende blind.«


Nach einer östlichen Erzählung