Praktikum im Hünfelder Gefängnis

„Hier kann ein Wort den Tag beleben oder beenden“

 

Ein Praktikum im Gefängnis? Das ist sicherlich ein besonders ungewöhnlicher Praktikumsplatz in Deutschland. Ein Schülerpraktikum ist in einem Gefängnis wie in Hünfeld oder Fulda nicht möglich, ein Praktikum während des Studiums dagegen schon. Jura-Studenten und Studierende der Sozialpädagogik, der sozialen Arbeit, aber auch angehende Psychologen und Seelsorger kommen für ein Praktikum in einem Gefängnis in Frage. So trat auch Psychologie Studentin Laura L. vor kurzem ein mehr Wöchentliches Praktikum in der Justizvollzugsanstalt in Hünfeld an und wurde, trotz einiger Vorerfahrungen, sogleich mit neuen Eindrücken der Haftanstalt überhäuft. Von den strikten Sicherheitsvorkehrungen und der Ordnung, vom mechanischen Geräusch der Türen und schwenkenden Kameras, vom Signalton des Personennotruf Gerätes (PNG), aber auch vom freundlichen Anstaltspersonal beeindruckt, begann ihre persönliche Gefängnis-Reise hinter den massiven Mauern an der Molzbacher Straße.

Als Studentin lernte sie den Alltag hinter Gittern besser kennen und erhielt Einblicke in eine vollkommen andere Welt, die den meisten Menschen verborgen bleibt. In einem lebendigen Gespräch mit dem katholischen Gefängnisseelsorger Diakon Dr. Meins Coetsier berichtet sie, dass es ihr wichtig erschien am Anfang ihres Praktikums zu wissen, wer zum Beispiel am anderen Ende der Leitung der Kameras vor den Bildschirmen sitzt. „Denn die Beamt*innen und Mitarbeiter*innen in der Zentrale sind keinesfalls ein menschliches Pendant zur ‚kalten‘ Überwachungskamera. Durch meine Zeit, die ich in der Zentrale mit dem Spitznamen ‚Glaskasten‘ verbrachte, gewann ich den Eindruck, dass der Umgang aller Mitarbeiter*innen untereinander nicht nur freundlich und respektvoll, sondern ebenso kameradschaftlich und familiär ist,“ sagte die wissbegierige und aufgeweckte Studentin.

In ihrem Erfahrungsbericht über diese exotische und ungewöhnliche Praktikumsstelle, macht sie deutlich, dass „der Mensch hinter diesem, äußerste Konzentration fordernden Job, in keiner Weise mit den Maschinen zu vergleichen ist, die er oder sie kontrolliert.“ Während ihrer Einführungstage, wurde ihr auch deutlich, wie wichtig das reibungslose Drehen eines jeden „Rädchens“ in der JVA zur Gewährleistung der Sicherheit jeder Person innerhalb, sowie auch außerhalb der Mauern und Zäune ist. Durch die Videoüberwachung fühlte sie sich von Tag zu Tag weniger beobachtet und stattdessen immer mehr geschützt. „Allgemein bekam ich während meiner kurzen ‚Zeit hinter Gittern‘ (auch vor den Bürofenstern der Anstalt), einen sehr guten Eindruck vom Miteinander und der Dynamik des Arbeitsalltags“ betonte Laura. „Die Belegschaft der JVA tritt als eine geschlossene Gemeinschaft auf, die nicht nur den Alltag souverän meistert, sondern auch eine stetige Sicherheit aller Beteiligten gewährleistet.“ 

In den vom Anstaltsleiter, Leitender Regierungsdirektor Lars Streiberger, genehmigten Gesprächen mit Gefangenen während ihrer letzten Woche in der JVA, bekam sie auch einen groben Einblick in deren Eindrücke und persönliche Entwicklung während der Haft in Corona-Zeiten. Ein denkwürdiges Zitat für sie ist der Satz: „Here, a word can make or end your day.“ Im Gefängnis kann ein Wort tatsächlich den Tag beleben oder beenden. Sie erklärt, „sicherlich können besonders positive oder negative Nachrichten auch außerhalb einer Inhaftierung den Tag eines jeden verändern, doch für mich ist dieser Satz aus dem Mund eines Verurteilten noch einmal mehr gewichtet. Er macht indirekt die Gefangenschaft und die damit verbundene Abhängigkeit vom Strafvollzug deutlich.“ Die Dankbarkeit für das Interesse ihrerseits an Gesprächen mit den Gefangenen und die Unterbrechung ihres Alltages, erschien Laura jedenfalls so groß, dass sie keinen Zweifel daran habe, „dass auch die Dankbarkeit für die zurückgewonnene Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit nach ihrer Entlassung eine Zeitlang anhalten wird.“ +++