Ein Umdenken: Braucht Gott unsere menschliche Hilfe?

 

Sind wir als Glaubensgemeinschaft bereit für eine Gottsuche in dunkelster Zeit? Der Ukraine Krieg ist noch nicht zu Ende, soziale Ungerechtigkeit, der Klima-Wandel, Spannungen der Öl und Gasindustrie und finanzielle Unsicherheit bewegen die Welt. Wird es Frieden und Zufriedenheit geben? Wird es überhaupt wieder warm sein in den Häusern und Herzen der Menschen? Alles verhüllt wie der L’Arc de Triomphe in Paris? Das „Sonntag-Morgengebet“ von der niederländischen jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum, die in Auschwitz ermordet wurde, fordert ein Umdenken.


Trotz aller Probleme nicht aufgeben oder in ein sozialökonomisches Schema pressen lassen? Sind schwierige Momente dazu da, Gott zu finden im eigenen Herzen und unter- und miteinander? Das, was wir über Gott und die Welt sagen, schreiben und wissen, ist immer begrenzt. Die gegenwärtigen Umstände sind eine Herausforderung mutig zu sein: Die alten Vorstellungen von Gott und Kirche neu zu überprüfen, loszulassen um sie wieder anders zu entdecken. Den Glauben zeitgemäß zu denken, zu fühlen und zu verkündigen. Auch die Frage, warum Gott all das zulässt, was gerade geschieht, brennt einigen auf dem Herzen. Sollten wir Ihn, Gott, unterstützen? Hat Gott nicht die Welt so geschaffen, dass der Mensch mitarbeitet? Jeder Mensch hat die Aufgabe, sich für eine gute Welt einzusetzen. Die Frage, wo Gott in allem ist, an guten und schlechten Tagen, in Freude und im Leid, wird fließend und offen bleiben. Vielleicht ist der Ansatz, „Was kann Gott für mich tun?“ nicht die richtige Einstellung, sondern: „Wo kann ich meinem Gott helfen?" Das wunderbare „Sonntag Morgengebet“ von der niederländischen jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum, die in Auschwitz ermordet wurde, verkörpert diese Einstellung und spirituelle Sicht:


Sonntag-Morgengebet


„Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leides an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. (...) Ich werde in nächster Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen ...


Der Jasmin hinter dem Haus ist jetzt ganz zerzaust vom Regen und den Stürmen der letzten Tage, die weißen Blüten treiben verstreut in den schmutzigen schwarzen Pfützen auf dem niedrigen Garagendach. Aber irgendwo in mir blüht der Jasmin unaufhörlich weiter, genauso überschwänglich und zart, wie er immer geblüht hat. Und sein Duft verbreitet sich um deinen Wohnsitz in meinem Inneren, mein Gott. Du siehst, ich sorge gut für dich. Ich bringe dir nicht nur meine Tränen und ängstlichen Vermutungen dar, ich bringe dir an diesem stürmischen, grauen Sonntagmorgen sogar duftenden Jasmin. Ich werde dir alle Blumen bringen, die ich auf meinem Weg finde, und das sind immerhin eine ganze Menge. Du sollst es so gut wie möglich bei mir haben. Und um nur irgendein beliebiges Beispiel zu nennen: Wenn ich in einer engen Zelle eingeschlossen wäre und eine Wolke zöge am kleinen vergitterten Fenster vorbei, dann würde ich dir die Wolke darbringen, mein Gott, jedenfalls solange ich dazu noch die Kraft hätte. Ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen, aber meine Absichten sind die besten, wie du wohl merkst.“


– Etty Hillesum | Tagebucheintrag, 12. Juli 1942, Seite 224-226



Impuls:
Diakon Dr. mult. Meins G.S. Coetsier

(Gefängnisseelsorger JVA Hünfeld | JVA Fulda )


Titelfoto: Christo & Jeanne-Claude: L’Arc de Triomphe, Wrapped | Paris 2021

( Mit freundlicher Genehmigung: Vincent Baake )